Insulin, ein neuer Markt

War vor der Entdeckung des Insulins die Behandlung von Diabetes nur durch viel trinken und kohlenhydratreduziertem Essen möglich, so taten sich mit dem ersten Insulin neue Wege auf.

Permanenten Durst haben, Liter für Liter trinken und genauso viel wieder ausscheiden, das können nur die Diabetiker nachvollziehen, die diese Symptome vor ihrer Diabetes Diagnose selber erlebt haben. Man hat förmlich das Gefühl, auszutrocknen und der Mund klebt beim Sprechen zu, obwohl man die Flasche gerade erst abgesetzt hat. Man ist nicht in der Lage richtig zu reden.

Die ersten Insuline mussten mehrmals gespritzt werden, weil sie nur eine schwache Konzentration hatten, von U5 bis U20. Die wichtigste  Herausforderung anfangs war die bessere Reinigung. Um das Extrakt beim Menschen einsetzen zu können, waren noch viele Reinigungsprozesse notwendig. Seit Anfang Dezember war James Bertram Collip, ein erfahrener kanadischer Biochemiker von der Universität Alberta in Edmonton mit im Team, dessen Arbeit es war, sich um die Reinigung des Insulins zu  kümmern. Er war von Macleod dazu eingeladen worden.

Bei der ersten Veröffentlichung am 30. Dezember 1921 stellten Banting und Macleod die Erfolgserlebnisse mit den Hunden vor. Im Publikum war alles vertreten, was sich in der Welt der Stoffwechselerkrankungen  auskannte und auch führenden Investoren der Zuckerkrankheit. Im Publikum saß auch George H.A. Clowes, ein Forschungsdirektor der Firma Eli Lilly Company. Er erkannte das Potenzial der Forschung und fragte, ob seine Gesellschaft nicht mit den Connaught- Laboratorien, die bis dahin für die Reinigung des Insulins verantwortlich waren, gewerblich zusammenarbeiten könnte?

Wie heute bekannt ist, waren Eli Lilly Company und später die Firma Farbwerke Hoechst in Deutschland die ersten Firmen, die kommerziell Insulin für den Markt hergestellt haben.

1923 kam das erste Insulin in Deutschland mit dem Namen „Insulin Hoechst“ auf den Markt, was aus Kälber- und Rinder-Bauchspeicheldrüsen hergestellt worden war. (Ich kann mich da an eine Besichtigung der Produktionsstätte bei der Firma Hoechst erinnern. Die Verarbeitung der Pankreas hat furchtbar gestunken.) Für den Insulinbedarf eines Diabetikers  waren 50 Bauchspeicheldrüsen notwendig. Deshalb war auch immer die Befürchtung, nicht genügend Insulin herstellen zu können.

1936 entwickelte Hans Christian Hagedorn (1888-1971)  in Dänemark das erste Insulin mit Verzögerung, indem er an das Insulin den Eiweißstoff Protamin anlagerte, so dass das Insulin nun verzögert vom Körper aufgenommen wurde. Jetzt waren nur noch ein bis zwei Injektionen täglich notwendig. Das Insulin wurde NPH- Insulin (Neutrales-Protamin-Hagedorn) genannt. Später verfeinerte man das Verfahren, indem  Zinkionen hinzugefügt wurden.

Ich kann mich an diese Zeit sehr gut erinnern, doch die wenigen Injektionen waren nicht unbedingt ein Vorteil, wie man später sah, als man wieder zu mehrmaligen schnell wirkenden Injektionen überging. Man war gezwungen, nach der Insulinwirkung sein Essverhalten einzustellen. Ob man Hunger hatte oder nicht, wenn die größte Insulinwirkung im Blut war, musste man was essen.

1940 gelang es der Firma Hoechst nach langen Forschungen eine neue Art der Verzögerung herzustellen. Bis dahin waren die Verzögerungsinsuline eine Suspension, die vor dem Aufziehen gut gerollt werden mussten. Passierte das Mischen nicht ausreichend, so gab es Dosierungsungenauigkeiten. Hoechst entwickelte das erste Surfen-Insulin, eine klare Lösung als Depotinsulin.

1955 beschrieb Frederick Sanger (1918-1982) den chemischen Aufbau  des Insulins, die Voraussetzung für die Entwicklung des synthetischen Insulins. Er bekam dafür 1958 den Chemienobelpreis.

1963 gelang dann die Insulinsynthese. In den 80er Jahren entwickelte sich das erste Humaninsulin, 1996 kam das erste kurz wirkende Insulin Lispro auf den Markt und 2000 wurde das erste langwirkende Insulin Analogon eingeführt.

Ich persönlich kenne aus eigener Erfahrung die Therapie mit einer Injektion Komb-Insulin, wo man gegen Ende der Insulinwirkung keine Kohlenhydrate mehr zu sich nahm,  die Zwei-Spritzen-Therapie, die später in die Intensivierte Spritzentherapie (ICT) überging bis hin zur Pumpentherapie (CSII). Es wurde immer mehr verfeinert und mit jeder Injektion gewann man ein Stück mehr Lebensqualität und Freiheit wieder. Das war zu Anfang nicht ganz einleuchtend, wo man versucht hatte, den Patienten mit nur wenigen Stichen belasten zu wollen. Aber auch die Kanülen wurden im Laufe der Jahre feiner und schmerzfreier.

Es ist verständlich, dass schon damals die Firma Lilly das riesige Potential erkannt hat. Was wäre gewesen, wenn die ganze Konzentration nicht nur auf die Entwicklung von besseren Insulinarten gerichtet wesen wäre?

Banting hatte festgestellt, dass die Zellen, aus denen man das Extrakt für die Behandlung der Zuckerkrankheit gewonnen hatte, nach wochenlangem Abbinden viel intakter waren als der Rest der Bauchspeicheldrüse. Er vermutete, dass diese Zellen einen eigenen Schutz hatten.

 


Diabetikerprodukte verschwinden vom Markt

Viele ältere Menschen werden traurig sein, wenn es keine Diabetikerprodukte mehr im Laden zu kaufen gibt, aber sie sind auch völlig überflüssig.

September 2010 hat der Bundesrat die rechtlichen Vorgaben für Diabetiker-Lebensmittel geändert. Diese Lebensmittel sind in der „Verordnung über diätetische Lebensmittel“ zusammengefasst. Und ab Oktober 2012 dürfen Lebensmittel nicht mehr speziell als „Diabetiker-Lebensmittel“  gekennzeichnet werden.

Diese Lebensmittel waren ganz oft mit Fruchtzucker versehen, weil dieser insulinunabhängig besser verstoffwechselt wurde. Ich kann mich an die Zeit der Umstellung erinnern, wo man auf vielen Produkten BE-Angaben und den Hinweis auf „neue BE-Berechnung“ fand, weil jetzt auch der Fruchtzucker hinein gerechnet wurde, man ihn aber mit  Insulin nicht wie andere Kohlenhydrate abdecken konnte. Allerdings waren die Kalorien die gleichen und der Fruchtzucker neigte zu Heißhungerattacken. Das ist natürlich bei Diabetes Typ 2 nicht wünschenswert, denn da steht ja oft eine Gewichtsreduktion im Vordergrund. In vielen Bereichen war es völlig übertreiben, wenn man bei bestimmten Apfelsorten lesen konnte „für Diabetiker besonders geeignet“. Furchtbar, wie viele Menschen nur wenig informiert sind über die Möglichkeiten, was der Diabetiker essen darf. Im Grunde ist eine abwechslungsreiche, fettarme Kost mit viel Gemüse und Salat für jeden optimal.

Außerdem spart man nun im Geldbeutel einiges ein, denn der Preis für Diabetiker-Artikel war entsprechend immer höher als bei anderen Lebensmitteln.

Im Grunde ist es ganz einfach: auf jedem Lebensmittel stehen inzwischen für 100 Gramm die Kohlenhydrate angegeben. Egal ob sie Ihren Kohlenhydratanteil in KE oder in BE berechnen, also 10g oder 12g  Kohlenhydrate für eine Einheit nehmen, man kann sich selber ausrechnen, wie viel man essen darf.

Auf einer Packung Müsli findet man folgende Nähwertangaben für 100 g:

Brennwert                                     398 kcal / 1672 kJ

Eiweiß                                          11,1g

Kohlenhydrate                              57,7g

davon Zucker                                13,1g

Fett                                               11,3g

davon

-ges. Fettsäuren                            4,5g

-einf. unges. Fettsäuren                 4,8g

-mehrf. unges. Fettsäuren             2,0g

Ballaststoffe                                 10,5 g

Natrium                                         0,09g

Vitamin B 1                                  0,26 mg

Phosphor                                     372 mg

Magnesium                                 146 mg

Zink                                             2, 6 mg

 

Dieses Produkt wäre kein “Diabetiker-Produkt”, weil es Zucker enthält, aber trotzdem können sie es essen. Sie nehmen die Kohlenhydrate zur Berechnung als Grundlage:

57,7 g ÷ 12 = 4,81 →  100 g enthalten nun 4,81 BE  (bei KE sind 5,77 KE enthalten)

Dann rechnen sie  weiter: 100 g ÷ 4,81 = 20,79 g und das entspricht 1 BE (bzw.17,33 g bei KE)

Wenn sie vier BE / KE Müsli essen wollen, dann wiegen sie sich 84 g / 70 g vom Müsli ab. So können normale Gebäckstücke oder auch Süßigkeiten verrechnet werden. Allerdings enthalten solche Lebensmittel nicht nur viel Zucker sondern auch sehr viel Fett und damit sind sie eine absolute Kalorienbombe und nur in kleinen Mengen zu verzehren.

Kaum mehr vorstellbar für heutige Verhältnisse

Albert Einstein prägte den Satz “Vorstellungskraft ist wichtiger als Wissen“.

Aber wie schnell vergeht die Zeit und man gewöhnt sich an die angenehmen Dinge und vergisst all zu schnell die unangenehmen Sachen.

Was ist das?

Morgens um 6:45Uhr klingelt der Wecker. Ein elfjähriges Mädchen steht auf und macht sich fertig für die Schule. Sie muss allerdings an mehr denken, als nur sich zu waschen und anzuziehen. Ein morgendliches Ritual, was inzwischen zur Gewohnheit geworden ist. Wenn andere einfach auf die Toilette gehen, muss sie ihren Urin in einem Glas auffangen. Mit einer Pipette wird sie nun einige Tropfen Urin mit Wasser verdünnt in ein Reagenzglas geben. Das Mischverhältnis muss genau eingehalten werden, weil sonst das Ergebnis verfälscht ist. Nun wirft das Mädchen eine Tablette hinein, die in einem luftdicht verpackten Röhrchen aufgehoben wird. Es beginnt ein fürchterliches Schäumen in dem Reagenzglas. Nach einigen Sekunden hat sich die Flüssigkeit verfärbt: gelb bis orange oder grün bis ins dunkelblau gehend sieht die Flüssigkeit nun aus und wird mit einer Farbskalar auf dem Tablettenröhrchen verglichen. Das Mädchen weiß nun, wie viel Zucker es mit ihrem Urin über Nacht ausgeschieden hat. Waren es 1% oder 5% oder zeigt die Farbskalar an, dass alles negativ ist? Danach wird das lebenswichtige Insulin aufgezogen. Vorsichtig mit einer Pinzette hantierend setzt sie den Glaszylinder und den Kolben zusammen und setzt eine Nadel auf. Aus einer kleinen 10 ml-Flasche zieht sie ein trübe Flüssigkeit auf, die sie vorher in ihren Händen durch rollen gemischt hatte. Auf der Spritze sind kleine und größere Striche eingezeichnet. Jeder kleine Strich bedeutet, dass vier internationale Einheiten von der Flüssigkeit in die Spritze aufgezogen wurden. Die Menge ist genau so berechnet, dass sich nun der Blutzuckerspiegel des Mädchens für den ganzen Tag  im normalen Bereich befindet, vorausgesetzt  sie hält sich an die Diätvorschriften und bewegt  sich nicht außergewöhnlich mehr. Eine ¾ Stunde später kann das Mädchen frühstücken. So lange brauchte das Insulin (Verzögerungsinsulin), um seine optimale Wirkung entfalten  zu können.

Das Mädchen ist zuckerkrank, sie ist Diabetikerin.

Heute fast 40 Jahre später ist es kaum vorstellbar, dass man so einen Aufwand gehabt hat, und es war völlig normal, denn man kannte es nicht anders. Man lebt mit dem Gedanken, ein Leben lang auf dieses Insulin angewiesen sein zu müssen.

Dieses Mädchen trägt heute die Insulinpumpe, macht vor dem Essen einen Blutzuckertest und ruft über die Pumpe in halben Einheiten ihre Insulinmenge ab, je nachdem was sie essen möchte. Die Zeiten der „Urinpantscherei“ sind lange vorbei.

Die Angst vor Komplikationen ist allerdings geblieben.

 

Diabetes und Sport

Es gibt verschiedene Gründe, sich sportlich zu betätigen. Nicht nur für Diabetiker ist es sinnvoll, doch als Diabetiker müssen Sie einiges beachten, was beim Stoffwechselgesunden automatisch funktioniert.

Es gibt verschiedene Gründe, sich sportlich zu betätigen. Nicht nur für Diabetiker ist es sinnvoll, doch als Diabetiker müssen Sie einiges beachten, was beim Stoffwechselgesunden automatisch funktioniert.

Für alle gilt, es sollte Spaß machen und nicht zu einer Pflicht werden, denn sonst hört man sofort bei den kleinsten Misserfolgen auf. Sie benötigen eine gewisse Portion an Disziplin und Geduld, denn Ergebnisse lassen sich nicht sofort erkennen. Kontaktieren Sie vorher Ihren Hausarzt, um abzuklären, dass nichts dagegen spricht, wenn Sie lange pausiert haben.

Gründe für Sport:

  • Herz- und Kreislauftraining

  • um Gewicht  abzunehmen

  • um Muskeln aufzubauen

  • um sich einfach nur fit zu halten („wer rastet, der rostet“)

  • um an Wettkämpfen teilzunehmen

Bei Sport benötigen Sie weniger Insulin oder mehr Kohlenhydrate. Beim Gesunden hört einfach die Insulinausschüttung aus und aus der Leber können Reserven freigesetzt werden. Dieser Automatismus muss vom Diabetiker imitiert werden, also bedeutet es Planung.

Was sich allerdings in der Theorie so einfach anhört, bedarf etwas Fingerspitzengefühl und auch Erfahrung, die man mit der Zeit bekommt, wenn man sich alles notiert, um für den nächsten Sporteinsatz richtig zu reagieren. Das bedeutet für den Anfang:

Blutzucker testen und noch mal testen:  vor, während und nach dem Sport!

Der Verlauf ist von vielen Faktoren abhängig:

1.      um welche Sportart handelt es sich?

  • etwas spazieren gehen
  • intensiv Nordic Walking betreiben

2.      wie ist der aktuelle Blutzucker?

  • ist er zu niedrig, unbedingt vorher schnelle Kohlenhydrate essen
  • bei erhöhtem Blutzucker wegen Insulinmangel niemals Sport treiben wegen der Ketoazidose.
  • bei Blutzuckerspitzen vorsichtig korrigieren

3.      auf den Trainingszustand:

  • sind die Muskeln es gewöhnt
  • oder beginnen Sie nach längerer Pause mit dem Sport ganz neu?

4.      der Zeitpunkt des letzten Bolus und der Kohlenhydrataufnahme:

  • was wirkt noch an Insulin?
  • sind die Kohlenhydrate schon vollständig resorbiert?

5.      die Insulinart:

  • kann ich die Basalrate in der Pumpe reduzieren?
  • wie viel  wirkt noch vom Langzeitinsulin (je nach Tageszeit) bei ICT?